Der Fall Bardens gegen Lanka | ein Interview mit David Bardens

[The following interview with David Bardens is also available in a provisional English translation. Die Chronologie des Falles dokumentierten wir auf http://positivists.org/blog/archives/3881 Olaf Simons stellte die Fragen für positivists.org]

Olaf Simons: Sie sind mit einem erstaunlichen Prozess in die Schlagzeilen geraten: €100.000 hatte der Impfgegner Stefan Lanka ausgelobt für den Nachweis des Masern-Virus; nun soll er nach Gerichtsurteil für die von Ihnen vorgelegten Nachweise das Preisgeld zahlen. Vielleicht zuvor – nachdem man bei Wikipedia einen Eintrag zu Lanka, aber keinen zu Ihnen findet – was müsste der Ihre notieren?

David Bardens (CC BY-SA 3.0)
David Bardens (CC BY-SA 3.0)

David Bardens: Noch vor einer Woche hätte ich nicht geglaubt, dass ich einmal einen solchen Artikel wert sein könnte. Als “frischgebackener Skandinavier” ist man auch recht bescheiden und möchte die eigene Person nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.  Aber ich kann es mal versuchen.

Ich wurde 1984 in Homburg im Saarland geboren. Nach meinem Abitur verschwand ich für kurze Zeit nach Nevada in Iowa und arbeitete dort als Cowboy. Nach dem Zivildienst absolvierte ich eine Ausbildung zum Rettungsassistenten beim ASB in Mainz, danach folgte ein Studium der Medizin in Homburg. Während des Studiums hatte ich alle möglichen Jobs, unter Anderem arbeitete ich als Lehrer an einer Hebammenschule und als Perfusionist bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Ich gründete auch ein Lebensmittelunternehmen in Bremen, nachdem ich das Rezept der Anti-Kater-Limonade “freigeist” entwickelt hatte.

Nach einer kurzen Zeit als Assistenzarzt an der Universitätsfrauenklinik in Homburg und meiner Promotion “flüchtete” ich dann vor den deutschen Arbeitsbedingungen nach Skandinavien. Dort lebe ich nun am Meer und habe meinen inneren Frieden gefunden. Doch dies wäre wahrscheinlich nicht wesentlich für Wikipedia.

Simons: Dann meinen Glückwunsch! €100.000 für den Nachweis, dass die Masern eine viral übertragene Infektionskrankheit sind. Diese Würdigung 2015 zugesprochen zu erhalten, nachdem man seit mehr als 200 Jahren von Viren spricht und seit über 100 Jahren verschiedenste Nachweisverfahren entwickelte. Wie erfuhren Sie davon, dass diese Preissumme ausgelobt war?

Bardens: Vielen Dank! Ich bin Arzt aus Leidenschaft und beschäftige mich in meiner Freizeit auch gerne mit „alternativen“ Meinungen und Hypothesen. So bin ich auf die kuriose Ausschreibung von Herrn Lanka gestoßen.

Simons: Das Schreiben, auf das Sie reagierten, überrascht stilistisch. Stefan Lanka richtet sich in einem verwirrenden Hin und Her der Polemik vor allem an seine Anhänger, die es dank seiner Publikationen besser wissen: Viren sind keine Krankheitsauslöser. €100.000 bietet er für den, dem der Nachweis gelingt, dass die Masern tatsächlich von Viren ausgelöst werden. In einem Fernsehbeitrag vom April 2014 wiederholt er diese Auslobung mit dem Angebot seiner Alternativtheorie. War es eine Eulenspiegelei, die Preisauslobung ernst zu nehmen und war Lanka darauf vorbereitet, dass jemand das Preisgeld einfordern könnte?

Bardens: Das Schreiben war in der Tat sehr wirr, deshalb musste ich zunächst in einem Brief nachfragen, ob ich die Auslobung richtig verstanden hatte. Er antwortete, dass das Preisgeld für den Beweis der Existenz des Masernvirus wirklich ausgeschrieben sei, dass ich jedoch bei meiner Recherche sicher einsehen müsse, dass es das Masernvirus nicht gibt. Dem war mitnichten so. Es gibt mehr als 10.000 wissenschaftliche Publikationen zum Thema Masernvirus. Sechs „Schlüsselpublikationen“ stellte ich Lanka dann per Einschreiben Rückschein zu, samt meiner Kontonummer und der Bitte die €100.000 zu überweisen. Natürlich waren sowohl die Auslobung als auch meine Reaktion darauf als Provokation gedacht. Ob Lanka darauf vorbereitet war, dass jemand das Geld wirklich einfordert, glaube ich fast nicht. Ein solcher Rechtsstreit verschlingt sehr viel Geld und beinhaltet zunächst einmal auch ein Risiko.

Simons: Lanka vertraut, wenn ich seine Preis-Auslobung richtig verstehe, darauf, dass jeder Beweis des Masern-Virus an zwei Stellen hinken wird: Er bestreitet zum einen schlicht dessen Sichtbarkeit. Liegt hier eine Kritik an den bildgebenden Verfahren vor? Haben hier die im Netz kursierenden Modelle einen gefährlichen, Zweifel säenden Effekt und wo steht da Lanka, der doch selbst stolz darauf ist, ein Virus nachgewiesen zu haben? Gegen was sind Sie da genau angetreten und mit welcher Strategie?

TEM image of Measels virus
Das Masernvirus im Transmissions Elektronen Mikroskop (TEM). Durchmesser 100-200 nm, im Kern erkennbar: die einsträngige RNA. Quelle: Wikimedia Commons

Bardens: Lanka hat früher selbst als Biologe geforscht und publiziert. Er bezeichnet sich selbst als „Virusentdecker“, nachdem er in den 90er Jahren ein Virus aus einer Braunalge isoliert hat. Dabei hat er Methoden angewandt, die andere in den von mir übersandten Studien zur Isolation des Masernvirus angewandt haben. Seine Kritik an den von mir eingesandten Publikationen kritisiert also damit – wie übrigens auch der Gutachter zurecht anmerkt – gleichzeitig auch seine eigene wissenschaftliche Arbeit, auf der sein akademischer Titel fußt. Lanka widerlegt sich also ständig selbst. Er ignoriert solide wissenschaftliche Erkenntnisse und stellt teils haarsträubende eigene Hypothesen auf, ohne diese jedoch selbst zu untermauern.

Simons: Lanka behauptet vor allem, dass wir ein falsches Bild von Viren als Krankheitserregern hätten. Wo von „Krankheitserregern“ gesprochen wird, wird, so Lanka, ein veraltetes Denken in Kategorien von Freund und Feind fortgeführt. Tatsächlich erzeugten etwa Rohölprodukte massenweise Vergiftungen. Hinzu kämen seelische Faktoren. Die chinesische Medizin sei in alledem mit ihren Erklärungsangeboten weiter. All das ist verwirrend eklektisch ein Mix aus pazifistischer Rhetorik aus der Zeit des kalten Krieges, Verschwörungstheorie und wilden Allianzangeboten – ob zu Ryke Geerd Hamer’s „Germanische Heilkunde“ oder zu den Anhängern exotischer Heilverfahren. Wie agieren Sie, wenn jemand zwar Phänomene anerkennt, jedoch Kausalitätsbehauptungen durch andere „alternative“, selbst aber nicht nachweisbare ersetzt?

Bardens: Wir alle haben uns im Laufe unseres Lebens Erklärungsmodelle dafür geschaffen, wie die Welt um uns herum funktioniert. Wenn jemand versucht, diese Erklärungsmodelle durch andere zu ersetzen, ist dies – selbst wenn diese Ersetzung radikal und bahnbrechend ist – zunächst einmal legitim. Kann das neue Erklärungsmodell sich durchsetzen, so kommt es zu einem Paradigmenwechsel und der entsprechende Forscher kann sich einem hohen Maß an Anerkennung sicher sein. In der Wissenschaft muss man per se immer offen sein für neue Modelle und auch kritisch gegenüber der eigenen Sichtweise. Was Lanka nun tut, ist jedoch etwas ganz anderes. Seine Kritik am Stand der Forschung ist durchweg destruktiv und nicht nachvollziehbar. Er möchte die komplette Forschung der letzten Jahrhunderte auf den Kopf stellen, ohne jedoch einen einzigen Beweis für seine kruden Hypothesen vorzulegen oder selbst eine Studie zu verfassen. Auf seiner Homepage heißt es: „Aktuell arbeiten wir an der Realisierung einer strahlungsfreien und mobilen Gehirntomographie zur Früh-Erkennung von Herzinfarkt, um diesen zu vermeiden.“ Alleine in diesem Satz stecken so viele Logikfehler, dass sich jede weitere Diskussion auf fachlicher Ebene erübrigt.

http://graphics.wsj.com/infectious-diseases-and-vaccines/
Masernepedemien: durch das Impfprogramm seit 1963 in den USA weitgehend eliminiert. Tynan DeBold and Dov Friedman, Battling Infectious Diseases in the 20th Century: The Impact of Vaccines. 2015-02-11.

Simons: Als Unwissenden wird man Lanka so wenig einstufen wie Ken Ham, den prominentesten Verfechter des Young Earth Kreationismus, der beteuert, Dinosaurier hätten sich noch vor viereinhalbtausend Jahren auf Noahs Arche befunden. Beide gehen von aktuellem Wissen aus, das sie aber eben als große Indoktrination anprangern. Ließ sich Lanka auf eine gemeinsame Rationalität ein – auf etwas, was er als Beweis zu seinen Ungunsten anerkennen würde? Ist der externe Gutachter im Gerichtsprozess da ein Ausweg – sozusagen als juristische Vereinbarung, dass ein vernünftiger Mensch genau so wie der Gutachter denkt (und dem nicht einsichtigen Prozessteilnehmer dafür die Vernunft abgesprochen warden kann)? Lanka wird sich es doch wohl nicht überzeugen, dass die Argumente einen Gutachter überzeugten?

Bardens: Man könnte Lanka das Masernvirus auf einem Silbertablett präsentieren, wenn es etwas größer wäre – er würde seine Existenz wahrscheinlich dennoch leugnen. Ich musste in den letzten Jahren in der Diskussion mit Impfgegnern leider lernen, dass die Meinungen oft so festgefahren sind, dass man keine Chance hat, diese Menschen von der Faktenlage zu überzeugen. Den Gutachter – ein sehr anerkannter Arzt und Biologe und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene in Rostock – lehnte Lanka zunächst wegen einer angeblichen Befangenheit ab. Das OLG Stuttgart wies diesen Antrag jedoch zurück. Auf Lankas Website ist auch heute nach dem Prozesstag in Ravensburg zu lesen: „Die Masern-Virus-Wette ist faktisch gewonnen!

Interaktive Karte des Concils for foreign relations über gemeldete Masern-Ausbrüche im laufenden Jahr 2015
Interaktive Karte des Concils for Foreign Relations über gemeldete Masern-Ausbrüche im laufenden Jahr 2015

Simons: Ihr Prozess kam mit optimalem Timing. Seit Monaten diskutiert man in den Medien darüber, ob eine Masern-Impfpflicht eingeführt werden soll. „Impfkritisch“ eingestellte Eltern verzichten auf Impfungen und die Masern grassieren plötzlich wieder in Epidemien. Was für ein Phänomen beobachten wir hier? Einen subtilen „Krieg gegen die Wissenschaften“ – wie die neueste Ausgabe von National Geographic behauptet. Fehlt hier nur Aufklärung – die Bereitschaft der Wissenschaften, den Kampf gegen Unsinn etwa der „Neuen Germanischen Medizin“ aufzunehmen? Was für einen Eindruck haben Sie da im Verlauf des von Ihnen angestrengten Prozesses vom größeren Phänomen gewonnen? Überraschen Sie die Medienreaktionen?

Bardens: Mich hat es schon sehr überrascht, dass Medien in der ganzen Welt über den Prozess berichteten und dieser sogar der New York Times einen Artikel wert war. Das Ende des Prozesses fiel zufälligerweise in eine Zeit, in der in Berlin mehr als 500 Menschen an der durch Impfungen ausrottbaren Krankheit Masern erkrankt waren und sogar ein kleiner Junge daran verstorben ist. Ich denke schon, dass – speziell im deutschsprachigen Raum – die Alternativmedizin mit all ihren Facetten einen Boom erlebt, der unter anderem dadurch befördert wird, dass es im Internet unzählige selbsternannte Experten gibt, die sich dazu berufen fühlen, zu allen möglichen Themen ihren Senf hinzuzugeben. Gleichzeitig haben wir ein Gesundheitssystem, welches aufgrund der demographischen Entwicklung und einer immer weiter fortschreitenden Kommerzialisierung an der Belastungsgrenze arbeitet. Viele Ärzte haben schlichtweg zu wenig Zeit für ihre Patienten, was zu einer schlechteren Versorgung und weniger Zufriedenheit bei den Patienten führt. Da greifen viele zum Internet als Informationsquelle oder gehen zu meist inkompetenten Heilpraktikern. Ich habe viele Vorschläge, wie man Vertrauen zurückgewinnen und die Impfquoten steigern könnte. Hier in Schweden gibt es eine staatliche, kostenlose Gesundheitshotline, die 24 Stunden täglich für alle verfügbar ist, und bei der man kompetent beraten und informiert wird. Das schafft Vertrauen und nimmt Scharlatanen den Wind aus den Segeln. Weiterhin hat man hier zum Beispiel den Impfpass durch ein nationales digitales Register ersetzt. Medizin ist hier weitestgehend unkommerziell und man hat hier viel mehr Zeit für seine Patienten.

Simons: An einem Prozesstag erschien Lanka mit der Sängerin Marla Glen vor Gericht und nun hat sich auch Schlagersänger Christian Anders zu Wort gemeldet. Was haben diese Leute mit einem Prozess um die Existenz von Viren zu tun?

Bardens: Ich habe wirklich keine Ahnung weshalb Marla Glen auf einmal in Ravensburg aufgetaucht ist. Herrn Christian Anders, der €100.000 auf den Beweis der Wirksamkeit von Impfungen ausgesetzt hatte, habe ich jedoch in der Sendung SternTV offenbar gereizt, indem ich erwähnte, dass ich die Wette gegen ihn wohl auch locker gewinnen würde, wenn ich ein Stündchen Zeit hierfür hätte. Einen Tag nach der Sendung nahm Anders – wohlwissend, dass er verlieren würde – die Auslobung aus dem Netz und bot mir €200.000, die ich jedoch auch im Gegenzug zahlen solle im Falle eines Unterliegens vor Gericht. Es wäre töricht von mir gewesen, diese Wette anzunehmen, auch wenn ich mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit gewonnen hätte. Anders ist Elektriker und Schlagersänger, fühlt sich aber dennoch berufen Menschen haarsträubende Gesundheitsratschläge zu geben. Diesem Menschen Aufmerksamkeit in den Medien zu verschaffen, wäre schädlich gewesen. Ich habe ihm deshalb eine mehr als deutliche Absage erteilt.

Simons: €100.000 – haben Sie schon Pläne, was sie mit dem Geld machen, wenn Sie es erhalten?

Bardens: Mein Ziel ist es, dass das Geld, das Herr Lanka mit Impfgegnerbüchern und -zeitschriften verdient, direkt in Impfungen fließt.

Links

  • “Impfmündigkeit statt Impfmüdigkeit”, Interview mit David Bardens geführt von Florian Chefai, hpd (Humanistischer Pressedienst), 5. April 2014. link
  • Masernblog der Schwäbischen Zeitung Ravensburg von der ersten Prozessphase 2014
  • [Stefan Lankas Reaktion auf den Gerichtsprozess:] Stefan Lanka, Virus vor Gericht, Wissenschaft Plus pdf
  • Council on Foreign Relations, Vaccine Preventable Outbreaks, interactive map
  • M. J. Ferrari , B. T. Grenfell , P. M. Strebel, “Think globally, act locally: the role of local demographics and vaccination coverage in the dynamic response of measles infection to control”, Transactions of The Royal Society. 2013-06-24. Link
  • Twitter-feed zum hahstag #masernprozess
  • “Sieg der Vernunft”, podcast Interview bei hoaxilla.com 2015-03-23
  • Pressemitteilung des Landgerichts Ravensburg zum Urteil im Masernprozess 2012-03-12. http://www.landgericht-ravensburg.de
  • Gerichtlich bestelltes Gutachten des Direktors des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene in Rostock, Professor Andreas Podbielski, zum Prozess David Bardens gegen Dr. Stefan Lanka vom 17. November 2014. http://www.wissenschafftplus.de
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